Auszug aus der Chronik von Clemens Bremer, 1904

Körbecke ein Marktflecken?
Der Tradition zufolge soll Körbecke ehemals ein Marktflecken gewesen sein. Ein Brunnen an der östlichen Lieth sei der Marktbrunnen gewesen (bis in die 1880 Jahre vorhanden). Die Namen von 3 Toren haben sich erhalten: Mühlentor, Kreuztor und Teppentor. Hierbei käme in Rücksicht, daß Borgentreich sich zusammengesetzt hat aus verschiedenen Ortschaften, die ehemals um Borgentreich lagen, z.B. Emmerke in der Richtung Bühne, Sünnerke nach Eissen, Holthusen nach Körbecke hin u.a. Als diese Ortschaften noch bestanden, war Körbecke vielleicht größer als Borgentreich und so ist es wohl möglich, daß Körbecke damals seine Märkte hatte.

Im Sturm- und Revolutionsjahre 1848 zitterten die Wogen des Aufruhrs bis in die Dörfer hinein. Hier hatten Gleichgesinnte wiederholt dem Vorschlag zugestimmt, einige Judenhäuser mit ansehnlichen Kramläden - es waren deren 3 - auszuplündern. Indem die Phantasie ihnen den verlockenden Genuß von Branntwein, Tabak, Kaffee, Zucker ect. bei dem Werke in Aussicht stellte, mochte die Begehrlichkeit und Versuchung groß genug sein. Eine Probe auf die Nützlichkeit ist indes nicht gemacht, die Kinder Israels kamen mit dem Schrecken davon

Hungersnot im Jahre 1847.
Zwischen den bejahrten Leuten mangelte es sicher nicht an Personen, die in ihrer Jugend im Jahre 1847 und auch früher oder später Bekanntschaft mit dem Hunger gemacht haben.
Die Kartoffelkrankheit blieb zunächst permanent. Man wußte kein Mittel dagegen. Bei hohen Fruchtpreisen und geringem Verdienst bestand ein Mißverhältnis zwischen der unbemittelten Bevölkerung. Daher war die genügende Brotbeschaffung nicht immer möglich. Der Kinderappetit aber ist immer lebendig, besonders in den bessern Jahreszeiten und an den längeren Tagen, wo kindliche Lebhaftigkeit Spiel und fortwährende Bewegung veranlaßt.
Sind die Eltern außer Stande, den stets erneuten Forderungen nach Brot gerecht zu werden, so preßt das ihnen zuweilen Worte aus, die hart scheinen wollen. So vernahm ich damals folgenden Gramspruch einer gequälten Mutter: "Ik woll, dat dek Hunne bedülsmeden un nieh freuer wieder wach wören, bis de Roggen riepe wöre." Bedülmen ist der Ausdruck für den Zustand der Betäubung.

Bettler waren in damaliger Zeit auch ohne Mißernten eine bekannte Erscheinung. Insbesondere kamen sie fleißig und nachhaltig aus den armen Nachbardörfern Muddenhagen und Bühne; auch das bedürftige Lamerden stellte seinen Teil. Im Hungerjahr 1847 folgten sich die Bettler scharenweise in täglicher Wiederkehr, einheimische und fremde, letztere im Übergewicht.

In den Litaneien folgt die Hungersnot der Pest und ist dem Kriege vorangestellt.

In Zeiten besserer Wohlhabenheit und steter Sättigungsmöglichkeit wird es am vollen Begriffe dafür mangeln, was es heißt, mit dauerndem Mangel am Notwendigsten, mit Hunger dauernd kämpfen zu müssen, das Begehren einer bleichen, hungrigen Kinderschar nach unentbehrlicher Nahrung langzeitig nicht stillen, Krankheit und Siechtum von den Seinigen nicht abwehren zu können und in Schulden zu geraten, deren Tilgung unabsehbar ist.
Dieser Zustand herrschte damals weithin


Ehrendienst der Schützengarde , die Frohnleichnamsprozession zu begleiten. Sie bildeten unter präsentiertem Gewehr bei jeder Station Spalier zum Durchzug des Sanktissimum. Die Prozessionslieder wurden wechselweise eine Strophe gesungen, die nächste mit Musik vorgetragen, wobei jedes Teil zu Atem kam. Den jedesmaligen Segen begleiteten Gewehrsalven.

Die Festpredigt fand regelmäßig unter Mantels Linde statt. Diese stand oberhalb des Dorfes an einer Anhöhe. Dort saßen zu Füßen des Predigers die weiblichen Zuhörer auf abhängigen, blumenbesäten Rasenteppich. Seitwärts saß der männliche Teil an den Böschungen eines Hohlweges. Die weitausgreifenden Äste der altehrwürdigen Linde breiteten sich über die Teilnehmer aus und senkten ihr Gezweig schattenspendend und schützend auf sie nieder. Am äußern Ende des Hohlweges besorgte dies Röttkers große und breite Rundhecke. Das waren lauschige Sitzplätze.

In die Stimme des Predigers mischte sich das leise Lispeln der Lindenblätter und das Trillern der Lerchen, welche ringsum aus den Feldern emporstiegen.
Das war ländliche Poesie.
Nicht selten gewahrte man unter Mantels Linde die Prozession der Gemeinde Bühne unter der Hohenfelder alten Linde.
Wir Knaben krochen aus kindlicher Beweglichkeit oder bedürfnishalber während der Predigt wohl mal um Röttkes Rundhecke. Für die verwunderliche Wahrnehmung, daß einige Schützen hinter der Hecke sich eine Flaschenstärkung gestatteten, brachte die spätere militärische Schulung erst das richtige Verständnis.
Der Soldat soll nämlich bei seinen Feldzügen einen Vorrat an Lebens- und Stärkungsmitteln mitführen, auch in der Feldflasche. Da das Schützentum nun eine militärische Nachbildung ist, so kann auch der Feldflasche ihre Berechtigung nicht abgesprochen werden. Offenbar war es eine Konzession an die vielen Teilnehmer, die von militärischen Dingen verstanden, wenn sie nicht offen am Riemengehenk schaukelte, sondern sich mit dem verschämten Rocktaschenversteck begnügte. Hier war sie auch sicherer. In offener Hüftenstellung hätte sie seitens militärisch ungeschulter Schützen, die bei der Hantierungen mit ihren "Kuhfüßen" einen etwas weiten Bogen schlugen, leicht einen mörderischen Klatsch erhalten können.

Der Flaschenstulp hinter der Hecke mochte vielleicht die erhebende Wirkung der Festpredigt noch steigern, oder die Nerven für die kommenden Gewehrsalven stärken, vielleicht auch beides zugleich bewirken sollen. Hatten die Schützen somit am Frohnleichnamstage nach Kräften zur Erhöhung der Festlichkeit mitgewirkt, so ließen sie die Feststimmung am folgenden Tage noch in einer weltlichen Feier ausklingen.

Fromme Bräuche

Vor dem Anschneiden eines Brotes war es allgemein üblich, mit dem Messer ein Kreuzzeichen am Brot zu zeichnen.

Bei Hauserhebungen kommandierte der Zimmermeister vor der Richtung des schwersten Stückes - ehemals Giebel, jetzt Dachstuhl - "zum Gebet!"

( Übrigens wurden größere Haushebungen früher mit Musik begleitet. Bei der Hebung unserer Scheune am 20. Oktober 1869 hatte ich ein Musikkorps von Beverungen. )

Die Antreibung der Arbeitstiere geschah - wenigstens bei unsicheren Anlässen - mit den Worten: " Hoi, in Guads Namen".

"Gesundheit" wurde als Trinkspruch und beim Niesen gewünscht.

Die Ausstreuung von Saatgut begann der Sämann nicht andere als mit 3 Kreuzwürfen.

Kamen die Arbeitstiere nach beendeter Arbeit einer Einsaat zum Stehen, so zogen einige Ackerherren die Mütze vom Kopf, schwenkten sie gegen den Acker und taten folgenden Segensspruch: "Herr, ich habe nun das Meinige getan, tue nun du auch das Deinige hinzu, dann wird es gut werden". Manchmal hatten die Schelme das Ihrige etwas recht schwach bemessen und mochten glauben, den Herrn besonders aufmerksam machen zu müssen, nachdem sie ihm das meiste überlassen hatten. Ein Ackersmann begegnete einst dem Vorhalt ungenügender Bearbeitung seines Saatackers mit den Worten: "Ei was, man muß auch auf den Herrn hoffen".

Es konnte nicht ausbleiben, daß ihre Hoffnungen oft unerfüllt blieben. Das machte sie indes im Vertrauen auf den Herrn nicht wankend. Manche kleinere Ackerleute waren nämlich dazumal ihrer Acker und ihrer ganzen Wirtschaft recht lässige Besteller. "Lat sachte gahn" lautete ein Vorbeigehegruß, den sie auch beachteten. War es Gewohnheit oder die niemals besiegte Knappheit, die eine Aufraffung der Energie hemmte? Vielleicht auch das Beispiel. Gegenwärtig ist die Lässigkeit ausgestorben, der eine tuts dem andern zuvor. Damit hat auch eine behäbige Fülle allenthalben auch in kleineren Verhältnissen den frühern elterlichen Mangel abgelöst.